Meister auf Rekordjagd – doch Champions League ist kein Thema PDF Drucken E-Mail
Ausblick Verantwortliche des FSV sehen die vom DTTB gewollte Zehner-Liga kritisch

Von unserem Mitarbeiter René Adler

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Champions League? „Dudu“ Wu Jiaduo vermisst auch „ohne“ nichts. Die Kroppacherin fühlt sich als Nationalspielerin im ständigen internationalen Einsatz auch so schon ausgelastet.


Bingen/Kroppach. Nach dem Titel ist vor dem Titel – dieses Gesetz galt in den vergangenen Jahren stets für die Frauen des FSV Kroppach, die auch in dieser Spielzeit bereits schon vor dem letzten Spieltag als alter und neuer Deutscher Meister feststanden.

Während der Rekord des DSC Kaiserberg mit acht nationalen Meisterschaften in den Jahren 1965 bis 1972 noch in etwas weiterer Ferne liegt, könnten die Westerwälderinnen in der kommenden Saison die Serie der Spielvereinigung Steinhagen einstellen, die zwischen 1989 und 1994 sechs Titel hintereinander gewonnen hatte. Doch nach Jahren der großen Dominanz rechnet Geschäftsführer Horst Schüchen in der neuen Runde mit einem Duell auf Augenhöhe gegen den TTSV Saarlouis-Fraulautern.

„Wie will Heinz Falk erklären, dass Kroppach immer noch der Favorit ist?“, fragt Schüchen gar mit Blick auf seinen saarländischen Kollegen, der die ohnehin schon zweitbeste Mannschaft der Liga noch mal erheblich verstärkt hat. Die aktuelle Einzel-Europameisterin Li Jiao aus den Niederlanden und die mehrfache Deutsche Meisterin im Doppel, Nadine Bollmeier, dürften das Team vor allem ausgeglichener und stabiler machen. „Die werden die einfachen Spiele nicht mehr verlieren wie in dieser Saison“, ist Schüchen überzeugt.

In der Hinrunde brachte Fraulautern dem FSV zwar mit einem 6:2 die höchste Niederlage seit sechs Jahren bei, ließ aber anderswo zu viele Punkte liegen: zwei gegen Berlin, zwei gegen Bingen und in der Rückserie auch noch einen in Essen – alles Teams, die Kroppach sicher im Griff hatte. Auch wenn die Saarländerinnen eher tief stapeln, weil es mit der Knieverletzung der für Luxemburg spielenden Chinesin Ni Xialian und der Schwangerschaft der bisherigen Nummer eins, Li Fen, zwei Unbekannte im TTSV-Team gibt, sagt Schüchen: „Ich schätze die gleich stark ein.“ Und er ergänzt: „Das ist gut für die Liga.“

Sehr skeptisch beurteilen dagegen der Geschäftsführer und auch Teambetreuer Dennis Leicher eine andere Entwicklung: Die eigentlich auf zehn Mannschaften ausgelegte Liga schrumpft nach dem Rückzug von Tostedt, Schwabhausen und Langweid nur deshalb nicht auf sieben Teams, weil gleich mehrere Vereine aus der 2. Bundesliga Süd den Aufstieg ins Oberhaus wahrnehmen wollen, ohne sich zu verstärken. Gegen Spitzenteams wie Kroppach, Fraulautern oder auch Champions-League-Finalist Berlin dürften diese Mannschaften völlig überfordert sein und vielleicht gerade mal ein paar Sätze gewinnen.

Deshalb sind die Verantwortlichen beim FSV von der Rettungsaktion des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) auch wenig begeistert. „Ich spiele lieber mit sechs guten und starken Mannschaften als mit acht oder neun, von denen mehrere absolut nicht konkurrenzfähig sind“, meint Schüchen. „Man hätte eine Doppelrunde mit diesen sechs Teams spielen müssen.“ Auch Leicher hält nichts von dem jetzt eingeschlagenen Weg und fordert: „Der DTTB muss sich etwas einfallen lassen.“ Doch Schüchen ist äußerst skeptisch, dass dies gelingt. „Die schaffen die Bundesliga komplett ab in den nächsten zwei, drei Jahren“, meint der Geschäftsführer, wenn auch etwas polemisch.

Für den FSV Kroppach geht die Titeljagd in diesem Spätsommer weiter, mit exakt demselben Stamm-Quartett wie bisher: die deutschen Nationalspielerinnen Kristin Silbereisen und Wu Jiaduo, Ungarns Auswahlspielerin Krisztina Toth und Shan Xiaona, die wie „Dudu“ zu den Top Drei im Spitzenpaarkreuz der Bundesliga gehörte. Während Berlin nach dem 3:2 im Hinspiel gegen den SVS Ströck (Österreich) vom erstmaligen Gewinn der Champions League träumt, ist eine Rückkehr auf die europäische Bühne für Kroppach kein Thema, solange sich an der Unprofessionalität des Kontinentalverbandes ETTU nichts ändere. Und dies sei nicht der Fall, urteilt Schüchen. FSV-Aushängeschild Wu Jiaduo findet das wegen ihrer zahlreichen internationalen Einsätze als Nationalspielerin nicht weiter schlimm: „Das würde ja noch mehr Termine und noch mehr Stress bedeuten.“

Westerwälder Zeitung vom Montag, 7. Mai 2012, Seite 24