Silbereisen hat Sensation auf dem Schläger PDF Drucken E-Mail
Deutsche Frauen verlieren dramatisches Viertelfinale gegen Weltmeister Singapur nach 2:0 mit 2:3

Von unserem Mitarbeiter René Adler

alt
Bild vergrößern
 
Kristin Silbereisen vom FSV Kroppach (Foto) konnte den Sack für Deutschland im dritten Spiel nicht zumachen, sie unterlag gegen Li Jiawei in einem dramatischen Match mit 2:3 Sätzen. Foto: Stephan Roscher


Dortmund. Kristin Silbereisen und „Dudu“ Wu Jiaduo vom FSV Kroppach haben bei der Tischtennis-WM in Dortmund mit der deutschen Nationalmannschaft eine Medaille nur hauchdünn verpasst. Beim 2:3 gegen Titelverteidiger Singapur fehlte nur die Winzigkeit von zwei Pünktchen zu einer der größten Tischtennis-Sensationen der vergangenen Jahrzehnte. Das Team von Bundestrainerin Jie Schöpp verspielte eine 2:0-Führung, und trotz einer herausragenden Leistung flossen nach rund dreieinhalb Stunden Kampf Tränen der Enttäuschung.

„Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft. Sie haben super gespielt und toll gekämpft. Mehr kann ich nicht erwarten“, sagte eine sichtlich mitgenommene Schöpp. Ausgerechnet die frühere Kroppacherin Wang Yuegu gewann das entscheidende Match. Statt um den Einzug ins Endspiel geht es heute in die Platzierungsrunde um die Ränge fünf bis acht.

Abwehrspielerin Irene Ivancan aus Berlin bekam es zum Auftakt mit Feng Tianwei zu tun, die vor zwei Jahren mit ihren zwei Erfolgen im Endspiel gegen China zur Nationalheldin in dem asiatischen Stadtstaat geworden war. Doch die EM-Zweite zeigte nicht den Hauch von Ehrfurcht und demonstrierte vor allem am Satzende Entschlossenheit und auch Angriffslust. Auf diese Weise gewann sie den ersten Satz mit 11:8 und verwandelte im zweiten einen 7:9-Rückstand in einen 11:9-Erfolg. In ihrem ersten Aufeinandertreffen mit der Weltranglisten-Fünften übertraf Ivancan sich selbst und machte im dritten Satz aus einem 4:8 ein 11:8.

Die 9500 Fans feierten die deutschen Frauen und trauten ihren Augen auch im zweiten Duell des Abends nicht, in dem „Dudu“ Wu Jiaduo auf die Weltranglisten-Achte Wang Yuegu traf, die 2009 im Kroppacher Meister-Team gestanden hatte. Obwohl die Deutsche alle bisherigen sechs Duelle gegen Wang verloren hatte, ging sie mit einem großen Selbstbewusstsein in die Partie. Beim 11:6 im ersten Durchgang profitierte die 34-Jährige freilich auch davon, dass ihrer Gegnerin gleich zwei Aufschläge abgezählt wurden.

Zwar vergab die Kroppacherin bei 10:7 im zweiten Durchgang die ersten beiden Satzbälle, aber den dritten nutzte sie. Unter dem Jubel der Westfalenhalle machte Wu in Satz drei vier Punkte in Folge und nutzte wenig später ihren ersten Matchball zum 11:7. 2:0 für Deutschland – und der Weltmeister hatte noch keinen einzigen Satz gewonnen.

Kristin Silbereisen (Weltrangliste 61) startete gegen die 46 Plätze vor ihr liegende Li Jiawei zu passiv, geriet mit 0:2 Sätzen ins Hintertreffen (6:11, 8:11), wurde aber immer stärker und mutiger. Alle bisherigen vier Duelle mit Li hatte die Kroppacherin verloren, doch sie schlug zurück und gewann die nächsten beiden Sätze mit 11:9, den vierten nach 5:8-Rückstand. Doch als nur noch ein Satz zur deutschen Sensation gegen Singapur fehlte, erwischte Silbereisen einen 2:6-Fehlstart in den Entscheidungssatz.

Die Kroppacherin setzte alles auf eine Karte, glich zum 6:6 aus, aber wenig später hatte die Asiatin bei 7:10 drei Matchbälle. Silbereisen wehrte diese ebenso ab wie zwei weitere und hatte bei 12:12 den Matchball auf dem Schläger, als Li einen harten und sehr gut platzierten Vorhand-Topspin der Deutschen irgendwie doch noch zurück auf den Tisch brachte und danach ihre sechste Chance nutzte. Silbereisen fehlten nach einem großen Match nur zwei Punkte, um den Halbfinaleinzug ihres Teams perfekt zu machen.

Natürlich ging jetzt bei vielen Fans die Angst um, der krasse Außenseiter könnte nach der verpassten Riesenchance völlig einbrechen. Aber „Dudu“ machte gegen Feng Tianwei erst mal da weiter, wo sie gegen Wang Yuegu aufgehört hatte: Sie verwandelte gleich im ersten Satz ein 7:9 in ein 11:9. Im zweiten Durchgang konnte dann aber Feng ihren dritten Satzball zum 11:9 nutzen. Nach einem klar verlorenen dritten Satz spielte Wu, die zuvor immerhin zwei von fünf Duellen gegen Feng gewonnen hatte, im vierten wieder auf Augenhöhe, hatte sogar einen Satzball, musste sich aber mit 10:12 geschlagen geben.

Happy End oder tränenreiche Niederlage? Darüber musste das fünfte Einzel zwischen Ivancan und Wang entscheiden. Ivancan gewann den ersten Satz nach 7:9 mit 11:9, verlor den zweiten, ging aber durch den knappen Gewinn des dritten (13:11) abermals in Front. Doch die erfahrene Wang, mit ihren kurzen Noppen für die Deutsche viel schwerer zu spielen als Feng Tianwei, schlug erneut zurück. Das alles entscheidende fünfte Einzel ging in den alles entscheidenden fünften Satz. Wang erwischte den besseren Start und rettete sich und Singapur ins Ziel.

Westerwälder Zeitung vom Samstag, 31. März 2012, Seite 21