Kroppacher Trio holt Doppel-Medaillen PDF Drucken E-Mail
Bei Europameisterschaft in Dänemark erreichen Grenzaus Andrej Gacina und Ruwen Filus Viertel- und Achtelfinale

Von unserem Mitarbeiter René Adler


Herning. Für die Tischtennis-Asse aus dem Westerwald haben sich bei der Europameisterschaft in Herning (Dänemark) nicht alle Medaillenhoffnungen erfüllt – speziell im Einzel, wo sie trotz zum Teil starker Leistungen leer ausgingen. Dafür gab es für alle drei Kroppacherinnen Edelmetall im Doppel: Silber für Krisztina Toth (und ihre Landsfrau Georgina Pota) sowie Bronze für Kristin Silbereisen und Wu Jiaduo. Doch besonders bei den Ungarinnen war die Enttäuschung groß.

„Gegen Rumäninnen hast du erst gewonnen, wenn der letzte Ball gespielt ist“ – das ist seit Jahren ein ungeschriebenes Gesetz, und auch Spielerinnen aus Kroppach haben es oft leidvoll erfahren müssen. Im ersten Endspiel der kontinentalen Titelkämpfe traf es Toth und Pota. Mit 3:0 Sätzen führten sie gegen Daniela Dodean und Elizabeta Samara, im sechsten Satz hatten sie sogar zwei Matchbälle, doch die kampfstarken Rumäninnen kamen immer wieder zurück. Sie gewannen diesen atemberaubenden Satz mit 21:19, einem Ergebnis, das an fast vergessene Tage der alten Zählweise erinnerte. Und als Toth/Pota mit 4:2 in den Entscheidungssatz gestartet waren, spielten sich Dodean/Samara in einen Rausch, machten neun der nächsten zehn Punkte.

Es hätte Toth/Pota aber auch schon in der Vorschlussrunde erwischen können. Gegen das Überraschungsduo Dora Madarasz/Britt Eerland (Ungarn/Niederlande) hatten sie das Glück auf ihrer Seite und gewannen mit 12:10 im Entscheidungssatz. „Es war ein schwieriges Match, weil Dora viel schneller spielt als Britt“, sagte Toth. „Ich konnte den Topspin der Holländerin nicht berechnen und ihre Bälle nicht blocken.“ Im siebten Satz lagen die Ungarinnen 5:8 zurück: „Alle Vier haben im letzten Satz gezittert. Für die jungen Spielerinnen war es eine neue Erfahrung, und für uns war es wichtig zu gewinnen, weil wir älter sind. Für mich war es nur noch wichtig, den Ball auf dem Tisch zu halten – am Ende gab es keine Taktik mehr.“

In einem ähnlich engen Match hatten sich Silbereisen und Jiaduo den rumänischen Europameisterinnen beugen müssen. Das Kroppacher Duo vergab eine 3:2-Führung. „Wir wollten eine Medaille gewinnen, das haben wir geschafft. Wir hatten aber auch mehr als eine Chance auf das Finale“, kommentierte Silbereisen. „Zwei der ersten drei Sätze verlieren wir in der Verlängerung. Im letzten Satz kriegen wir gleich zwei Netz- und Kantenbälle. Dodean/Samara sind seit Jahren eines der besten Doppel in Europa. Dazu gehören Dudu und ich aber auch, obwohl wir noch nicht so lange zusammenspielen. Wir können uns noch steigern.“ Sie hatten sich Edelmetall durch ein 4:2 über Veronika Pavlovich/Alexandra Privalova (Weißrussland) gesichert: „Das hätte nicht besser laufen können. Darüber freue ich mich tierisch.“



Die Nummer eins ausgeschaltet

Im Einzel kam Kristin Silbereisen Edelmetall näher als 2009-Europameisterin Wu Jiaduo. Wie im vergangenen Jahr schaltete Silbereisen im Achtelfinale Shen Yanfei aus – mit dem Unterschied, dass die Spanierin inzwischen in den Top Ten der Welt ist und an Position eins gesetzt war. Doch die Kroppacherin deklassierte die Favoritin beim 4:1. „Ich bin sehr glücklich, viel besser kann ich gegen sie nicht spielen“, sagte die Deutsche und nannte die Schlüssel zum Erfolg: „ Sie ist eine Spielerin, die bei Rückständen schnell einfache Fehler macht, bei Führungen aber sehr stark spielt. Von daher musste ich von Anfang an da sein. Ich habe meinen neuen Aufschlag aus der Vorhand ausprobiert und bin damit sehr gut ins Spiel gekommen.“

„Jetzt will ich Revanche nehmen“, kündigte Silbereisen vor dem Medaillenmatch gegen die Österreicherin Liu Jia an, die ihr in Danzig den Weg zu Edelmetall verbaut hatte. Nach dem 2:4 vor einem Jahr reichte es diesmal aber sogar nur zu einem Satzgewinn. „Ich bin nicht so gut in die Partie reingekommen“, ärgerte sich Silbereisen. „Es ist schwierig für mich gegen sie, weil sie keinen eigenen Ball schnell macht. Im dritten Satz habe ich ein paar leichte Fehler gemacht, bei 1:2 sieht es vielleicht anders aus. Für mich war es dennoch ein gutes Turnier.“

Die an zwei gesetzte Wu musste im Achtelfinale die Segel streichen. „Ich hatte keine wirkliche Waffe gegen sie“, meinte „Dudu“ nach dem 2:4 gegen Abwehrspielerin Li Xue aus Frankreich. „Sie hat von hinten heraus fast jeden Ball zurückgebracht, dazu keine Schupffehler gemacht. Vielleicht hätte ich noch etwas mehr Risiko gehen sollen, aber am Ende hat mir nach dem langen Jahr mit WM und Olympia auch etwas die Kraft gefehlt.“ Das hatte sich schon beim 4:3 zuvor gegen Mädchen-Europameisterin Bernadette Szocs aus Rumänien angedeutet.

Andrej Gacina vom TTC Grenzau schlug in Marcos Freitas (Portugal/4:3) und Bojan Tokic (Slowenien/4:1) zwei höher gesetzte Spieler und bekam seine Revanche gegen Rekord-Champion Timo Boll, gegen den er in der Liga am 3. Oktober acht Matchbälle vergeben hatte. Auch diesmal war es eine offene Partie, Boll nutzte seine Chancen aber konsequenter und gewann 4:1. „Ich wusste, dass es schwer werden würde. Gacina ist eine harte Nuss”, atmete er durch. Der spektakuläre Matchball hatte die rund 1500 Fans von den Sitzen gerissen. „Allein dafür hat es sich schon gelohnt anzureisen“, kommentierte Boll den Ballwechsel des Turniers. „Solche Bälle gibt es ganz selten, erst recht nicht bei einem Matchball. So einen spektakulären Matchball hatte ich noch nie.“



Frühes Aus für Gacina im Doppel

Der Sieg des Grenzauers gegen Freitas im Einzel (Gacina: „Mein guter Start im Entscheidungssatz hat den Ausschlag gegeben”) tat dem gemeinsamen Doppel nicht gut. Der Portugiese hatte sich nicht davon erholt, als es nur eine halbe Stunde später im Doppel um den Einzug ins Viertelfinale ging. Die Titelverteidiger verspielten gegen die Qualifikanten Stefan Fegerl/Feng Xiaoquan (Österreich) eine 2:1-Satzführung.

Ruwen Filus erreichte durch ein 4:2 gegen den Engländer Liam Pitchford das Achtelfinale. Weil Deutschland bei sechs Männern unter den besten 16 die Coaches ausgingen, wurde der Abwehrspieler vom Ex-Grenzauer Chen Zhibin betreut, der holländischer Frauen-Trainer ist. „Es war das erste Mal, dass Chen Zhibin mich gecoacht hat. Er kennt mich von Grenzau her. Es war super, dass er eingesprungen ist“, meinte Filus und sagte zum Spiel gegen Vladimir Samsonov (Weißrussland). „Ich bin klarer Außenseiter; bei den Polish Open 2011 habe ich 1:4 verloren. Es wird sehr schwer werden, er weiß wie man gegen Abwehr spielt. Ich muss viel aktiv spielen.“ Doch dies gelang ihm beim 0:4 nicht: „Ich habe zu wenig gemacht.“

Westerwälder Zeitung vom Montag, 22. Oktober 2012, Seite 24